
Vom Erbe, das lebendig bleiben muss
Erzherzog Andreas Salvator von Habsburg-Lothringen und Schloss Gmünd zwischen Bewahrung und Erneuerung
Text und Fotos: Therese Backhausen
Eine Spanne voller erlebter Geschichte, eine tiefe Verwurzelung in der Tradition sowie ein ungewöhnlicher, dynamischer Lebensweg prägen das Leben des Urenkels von Kaiser Franz Josef I. und Kaiserin Elisabeth. Andreas Salvator, der aus der Toskana-Linie der Familie stammt und in dessen Adern ein Stück europäischer Geschichte fließt, lebt nach prägenden Jahrzehnten im Ausland schon seit vielen Jahren in seinem historischen Anwesen in Gmünd. Dort bewirtschaftet er als privater Waldbesitzer und Teichwirt eine große Fläche an Wäldern und Teichen. Seinen kürzlich gefeierten 90. Geburtstag nahmen wir zum Anlass, um mit ihm über naturverbundenes Unternehmertum, nachhaltige Teichwirtschaft sowie Bewahrung und Erneuerung zu sprechen.
Wer Schloss Gmünd heute betrachtet, sieht nicht nur ein historisches Bauwerk, sondern blickt auf das Ergebnis von jahrzehntelangen Entscheidungen, Kompromissen, Verlusten und Rettungsversuchen. Vor allem aber sieht man ein Haus, das bewohnt und genutzt wird – und genau darin liegt für Erzherzog Andreas Salvator Habsburg-Lothringen der entscheidende Unterschied zwischen einem Denkmal und einem lebendigen historischen Ort. „Ein unbewohntes Bauwerk ist ein totes Bauwerk“, erklärt er, und dieser Satz beschreibt seine Haltung zu Schloss Gmünd vielleicht besser als jede denkmalpflegerische Theorie.
Schloss Gmünd ist eine dreigeschossige, vierflügelige historische Stadtburg um einen trapezförmigen Hof in der südwestlichen Ecke der Altstadt von Gmünd im Waldviertel. Es liegt in der Nähe des Zusammenflusses von Lainsitz und Braunaubach, unmittelbar an der tschechischen Grenze. Der Bau war ursprünglich kein repräsentatives Schloss im klassischen Sinn, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene, anfänglich wehrhafte Kuenringer Anlage, die ihren Ursprung im ausgehenden 12. Jahrhundert hat. Ihre Lage an der Stadtbefestigung, umgeben von umlaufenden Gräben, Wasserläufen und Sümpfen, verweist bis heute auf ihre einstige strategische Bedeutung. Von der ursprünglichen Substanz von vermutlich vier Ecktürmen sind der Torturm mit der Toranlage, der ehemals als Bergfried fungierende und als Eckturm der Stadtbefestigung dienende Südwestturm sowie der hofseitige runde Treppenturm noch sichtbar erhalten.
Über lange Zeit war das Schloss nicht nur Wohnsitz, sondern auch Verwaltungszentrum, Gerichtsort und Mittelpunkt eines umfangreichen Gutsbetriebes. Die Herren von Liechtenstein und Puchheim waren Eigentümer zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert. Nach einem verheerenden Stadtbrand im Jahre 1473 wurde die Anlage im gotischen Stil erneuert. Zehn Jahre später gelang es den Truppen des ungarischen Königs Matthias Corvinus, sich in den Besitz des Schlosses zu bringen, und nach deren Abzug war es ein Söldnerführer Kaiser Maximilians I., der als Verwalter eingesetzt wurde. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es wiederum zu größeren Umbauten unter den Herren von Greiß, bevor noch einmal die Puchheimer das Schloss ihr Eigen nannten. Häufiger Besitzerwechsel prägte die nächsten Jahrzehnte, und im 17. Jahrhundert kam es zu weiteren Um- sowie Ausbauten im Nordtrakt.
Zu den prägenden Besitzern der jüngeren Geschichte zählt Erzherzog Sigismund von Habsburg-Lothringen, der das Anwesen im Jahr 1859 erwarb; er entwickelte Schloss und Besitz weiter und gab dem Bau sein heutiges Aussehen. Als geübter Botaniker und Dendrologe ließ er den bedeutenden Schlosspark, der botanische Raritäten sowie ein prachtvolles Palmenhaus umfasste, im englischen Stil anlegen. Nach seinem Tod im Jahr 1891 erbte sein Bruder Erzherzog Rainer die Herrschaft und das Schloss. Auch er war wie schon Sigismund eng mit der Stadt Gmünd verbunden und verbrachte mit seiner Ehefrau viele Sommer im Schloss. Nach seinem Tod erbte Erzherzog Hubert Salvator Habsburg-Lothringen das Anwesen, der es an seinen zu dieser Zeit im Ausland lebenden 21-jährigen Sohn Andreas Salvator weitergab. Mit diesem verbindet sich vor allem eine umfassende Phase der Rettung und Neuordnung des Schlosses. Als Andreas Salvator, in einer Ära des Umbruchs auf Schloss Persenbeug geboren, die Verantwortung für die Anlage übernahm, befand sich das Gebäude bereits in einem stark überalterten Zustand. Er erinnert sich, dass das Dach teilweise bereits durchgebogen war und moderne Sanitäranlagen ebenso wie zeitgemäße technische Infrastruktur fehlten. Selbst eine funktionierende Wasserversorgung über mehrere Stockwerke hinweg war keineswegs selbstverständlich. Wasserleitungen, Abflüsse, Badezimmer und Toiletten mussten erst geschaffen werden. Was heute selbstverständlich erscheint, bedeutet bei einem historischen Bauwerk einen enormen technischen wie auch finanziellen Aufwand.
Für Andreas Salvator war von Anfang an klar, dass sich ein historisches Haus nur erhalten lässt, wenn es genutzt wird. Statt Schloss Gmünd ausschließlich als Museum zu verstehen, wurde daher nach einer Form gesucht, die historisches Erbe und zeitgemäßes Wohnen miteinander verbindet. „Ein Teil des Schlosses wurde im Jahr 1985 in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Bauvereinigung Schönere Zukunft restauriert und in Eigentumswohnungen umgewandelt“, erzählt er. Gleichzeitig blieben wesentliche Bereiche des historischen Ensembles dem Gutsbetrieb und der Familie erhalten. Dazu zählen Wohnräume, die Ende des 14. Jahrhunderts im Bergfried eingebaute Kapelle sowie Wirtschaftsgebäude wie Remisen, Scheunen und Verwaltungsgebäude. Die Restaurierung war nicht nur eine bauliche, sondern auch eine konzeptionelle Herausforderung. Andreas Salvator hatte bereits früh einen mehrjährigen Plan zur Rettung des Schlosses entwickelt. Dachziegel wurden beschafft, Dächer neu eingedeckt und die Arbeiten schrittweise mit dem Bundesdenkmalamt abgestimmt. Dabei wurde bewusst auf Materialien und Lösungen geachtet, die dem historischen Charakter der Anlage entsprechen.
Zum Schloss gehörte einst ein ganzer Wirtschaftskosmos wie eine große Meierei mit Kuh-, Schweine- und Pferdeställen, Hühnerhaltung, Milchstube und Wohnhaus des Meiers. Diese Wirtschaftsgebäude spielten lange Zeit eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Stadt Gmünd. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft verloren jedoch viele dieser Gebäude ihre ursprüngliche Funktion. Ein Teil wurde abgetragen, anderes konnte erhalten werden.
Eng mit der Geschichte des Schlosses verbunden ist auch die Teichwirtschaft. Die Teiche der Region entstanden zum Teil bereits im späten Mittelalter, wahrscheinlich wurden erste Anlagen im 14. oder 15. Jahrhundert geschaffen. Was zunächst aus sumpfigem und wirtschaftlich kaum nutzbarem Land bestand, wurde durch gezielte Wasserführung in produktive Teichlandschaften verwandelt. Besonders charakteristisch für das Waldviertel ist die Teichkettenwirtschaft. „Ein Teich speist den nächsten. Durch ausgeklügelte Systeme aus Dämmen, Abläufen und sogenannten Zapfen konnte der Wasserstand reguliert und ein Teich zum Abfischen vollständig entleert werden“, weiß Andreas Salvator. Dieses Wissen war über Generationen hinweg Teil der landwirtschaftlichen Kultur der Region. Auch die Wasserversorgung des Schlosses selbst war eng mit dieser Teichlandschaft verbunden, denn Gmünd liegt an einer Wasserscheide und verfügte historisch nicht über ein einfach zu erschließendes Wassereinzugsgebiet. Umso bedeutender waren Teiche und künstlich geführte Wasserläufe. „Über Brunnenstuben und Leitungen wurde Wasser bis zum Schloss gebracht“, schildert Andreas Salvator. „Ein technisches System, das heute kaum mehr sichtbar ist, aber für die Funktionsfähigkeit der Anlage entscheidend war.“
Die Geschichte des Schlosses ist allerdings nicht nur von Aufbau und Kontinuität geprägt. Das 20. Jahrhundert hinterließ tiefe Spuren. Während der NS-Zeit wurde die Anlage fremdgenutzt und Teile der Ausstattung gingen verloren. Nach Kriegsende waren zeitweise sowjetische Soldaten im Schloss untergebracht. Alles, was einst zur historischen Einrichtung gehört hatte, verschwand in diesen Jahrzehnten. Andreas Salvator weiß, dass sich solche Verluste nicht rückgängig machen lassen und inzwischen selbst zur Geschichte des Hauses gehören.
Erzherzog Andreas Salvator von Habsburg-Lothringen selbst verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Spanien; bereits als Jugendlicher war er aus gesundheitlichen Gründen dorthin gekommen. Später studierte er unter anderem in Barcelona, Sabadell, Madrid und Cádiz und lebte insgesamt mehr als fünf Jahrzehnte in diesem Land. Die prägenden Erfahrungen eines internationalen Lebens und der Blick von außen beeinflussten in weiterer Folge auch seinen Umgang mit Schloss Gmünd. Für ihn war die Zukunft historischer Gebäude nie allein eine Frage des Denkmalschutzes. Entscheidend war vielmehr, ob es gelingt, ihnen eine sinnvolle Nutzung zu geben.
Er kam nicht mit der Vorstellung zurück, einfach einen historischen Zustand zu konservieren. Vielmehr interessierte ihn die Frage, wie ein altes Gebäude unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen weiterleben kann. „Dabei waren Konflikte unvermeidlich“, erinnert er sich. Immer wieder stießen Ideen für neue Nutzungen an behördliche oder wirtschaftliche Grenzen. Beim historischen Palmenhaus und bei einem ehemaligen, heute nicht mehr existierenden Pavillon im Schlosspark scheiterten geplante gastronomische beziehungsweise sanitäre Nutzungskonzepte unter anderem an fehlenden Genehmigungen. „Genau das, was ich seinerzeit wollte – nämlich beim Palmenhaus einen kleinen Zubau von vielleicht fünf Metern an der Rückseite zu machen –, wurde von der Behörde nicht genehmigt. Nun aber wird anlässlich der Niederösterreichischen Landesausstellung 2028 das denkmalgeschützte Gebäude nicht nur saniert, wie dies zum Beispiel bei der Nachbildung der dem ehemaligen Erscheinungsbild entsprechenden und heute verlorenen seitlichen Glashäuser der Fall ist“, wundert sich Andreas Salvator, „sondern es kommt vielmehr zu einer Erweiterung um einen rückwärtigen großen Zubau.“ Diese seinerzeitige behördliche Haltung prägte sodann auch seinen Umgang mit Schlosspark und Palmenhaus. Der Großteil des Parks wurde im Zuge einer Neuordnung gegen Waldflächen getauscht; er ist heute im Besitz der Stadtgemeinde Gmünd und dient als beliebter Erholungsort. „Immer wieder ging es also dabei um die Frage, welche Nutzung für historische Gebäude möglich ist und wo behördliche oder wirtschaftliche Grenzen liegen“, betont er.
„Gerade an Schloss Gmünd zeigt sich, dass der Erhalt eines historischen Hauses kein statischer Zustand ist. Ein solches Gebäude muss sich verändern dürfen, ohne seine Geschichte zu verlieren. Es braucht Eigentümer, Bewohner und Nutzer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, erläutert Andreas Salvator. „Und es braucht eine wirtschaftliche Grundlage, die den Fortbestand ermöglicht.“ Ebendeshalb richtet sich sein Blick zwangsläufig auf die nächste Generation. Für ihn lässt sich Verantwortung nicht erzwingen. Seine Kinder sollen selbst entscheiden, welchen Weg sie wählen. Maßgeblich sei vielmehr, dass sie tüchtige Menschen werden und verstehen, dass Besitz stets mit Arbeit verbunden ist. „Denn historische Häuser lassen sich nicht allein durch Vorschriften bewahren. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, zu arbeiten und langfristig Verantwortung zu tragen.“
Und so ist Schloss Gmünd heute weit mehr als ein Zeugnis vergangener Jahrhunderte. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich historisches Erbe, privates Engagement, landwirtschaftliche Tradition und zeitgemäße Nutzung miteinander verbinden lassen. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Glanz früherer Zeiten, sondern vor allem von der täglichen Arbeit, die notwendig ist, damit ein historisches Haus lebendig bleibt.
