Auf historischen Spuren durch die Westslowakei

Text: Therese Backhausen
Fotos: ©Therese Backhausen und ©Alexander Schuh
Eine Reise in die Westslowakei ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit, die eng mit jener Österreichs verbunden ist. Über Jahrhunderte gehörte das Gebiet der heutigen Slowakei zum Königreich Ungarn und damit seit dem 16. Jahrhundert zur Habsburgermonarchie. Ungarische Magnatenfamilien, habsburgische Herrscher, die Wiener Hofgesellschaft, kirchliche Würdenträger, Kaufleute, Soldaten und Pilger prägten diese Landschaft. Unsere Busreise nach Trenčín, organisiert von Dr. Bettina Nezval und Vladimir Vano, führte 15 Mitglieder unseres Vereins zu einigen eindrucksvollen Zeugnissen dieser gemeinsamen Vergangenheit.
Die Fahrzeit nutzte Vladimir Vano – Bettina Nezval konnte aufgrund eines Unfalls bedauerlicherweise nicht mitkommen – mit Wissen und einer spürbaren Leidenschaft für seine Heimat für einen spannenden Vortrag über die facettenreiche Geschichte der Slowakei.
Die erste Station der Reise war Galanta, eine Stadt, die untrennbar mit den Esterházy, einem der bedeutendsten Geschlechter der Habsburgermonarchie, verbunden ist. Die Familie, deren wichtige Wurzeln hier lagen, führte Galanta sogar in ihrem Namen: „Esterházy de Galantha“. In der Stadt erinnern gleich zwei historische Adelssitze an diese Vergangenheit.
Das ältere Renaissanceschloss aus der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, das mehrfach umgestaltet wurde, entstand in jener Zeit, in der befestigte Herrensitze angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen neben Wohnzwecken auch Schutz bieten mussten. Es war rundum von einer Befestigungsanlage mit Türmen umgeben und nach außen hin durch einen Graben geschützt. Der letzte Umbau erfolgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als es im Wesentlichen seine heutige Form erhielt. Außenfassaden, Gewölbe in den Etagen sowie das Dach wurden dabei verändert. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sein historischer Wert durch Zweckentfremdungen wie die Unterbringung eines Zuckerlagers, die Verwendung als Werkstätte oder Turnhalle stark beeinträchtigt. Nach umfassenden Renovierungen wurde das Schloss im Jahr 1992 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute sind von der Befestigungsanlage nach ihrer Demolierung in den 1970er-Jahren – zu dieser Zeit bestanden auch Pläne, das Schloss selbst abzutragen – nur noch ihre Fundamente zu erkennen.
Ganz anders präsentiert sich das zweite Esterházy-Schloss. Das ursprünglich barocke Gebäude erhielt sein Erscheinungsbild, als Burgenromantik und die Rückbesinnung auf das Mittelalter in ganz Europa modern wurden. Türme, Zinnen und historisierende Fassaden prägen heute das monumentale Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, das in den 1860er-Jahren im englischen, romantisierend-neugotischen Stil umgestaltet wurde. Der Bau besteht aus einem U-förmigen Grundriss, dem zweistöckigen Wohnschloss, je einem einstöckigen Wirtschaftsgebäude an den nördlichen und südlichen Flügeln sowie zwei markanten Türmen.
Das umgebaute Schloss sollte die Wohnstätte von Joseph Esterházy werden; diese Pläne wurden allerdings durch mehrere Todesfälle in der engsten Familie und schließlich auch durch den Tod des Grafen selbst im Jahr 1879 zunichtegemacht. Es verblieb, nun unbewohnt, weiterhin im Besitz der Familie Esterházy, bis es im Jahr 1920 an den tschechoslowakischen Staat verkauft wurde. Von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre waren hier verschiedene Institutionen untergebracht. 1993 erwarb es die Stadt Galanta, danach folgte ein Leerstand bis zum Jahr 2012; seitdem wird es von einem Bürgerverein schrittweise und teilweise ehrenamtlich restauriert. Der Öffentlichkeit ist lediglich ein kleiner Teil zugänglich.
Das eigentliche Reiseziel war Trenčín, das gemeinsam mit Oulu in Finnland zur Europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2026 ernannt wurde. Schon bei der Ankunft wurde deutlich, wodurch die Geschichte der Stadt bestimmt wurde: Hoch über dem Tal der Waag erhebt sich die mächtige Burg Trenčín. Die strategische Bedeutung dieses Ortes reicht weit zurück. Unmittelbar am Burgfelsen erinnert eine römische Inschrift aus dem Jahre 179 v. Chr. daran, dass während der Markomannenkriege römische Truppen bis in diese Gegend vorgedrungen waren. Im Mittelalter war Trenčín ein bedeutendes Zentrum des Königreichs Ungarn. Dies verdankte der Ort vor allem der Burg, deren Anfänge bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen und von der aus wichtige Handels- und Verkehrswege entlang des Flusses kontrolliert werden konnten.
Besonders verbunden ist die Burg mit Matthäus Csák, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu den mächtigsten Magnaten des mittelalterlichen Ungarns gehörte. Nach seinem Tod wurde die Anlage im Laufe der nächsten Jahrhunderte sukzessive ausgebaut und erweitert und es wurden Paläste in der oberen Burg sowie umfangreiche Befestigungen errichtet. Dank unseres engagierten Guides erfuhren wir nach einem anspruchsvollen Aufstieg Legenden sowie Historisches, zum Beispiel über den Brunnen der Liebe, den Barbara-Palast der Barbara von Cilli, den Ludwigsturm sowie die Rotunde. Die ganz Sportlichen wurden nach Überwindung der unzähligen Stufen zum 39 Meter hohen Matthäusturm mit einem vollkommenen Überblick über die umliegende Landschaft belohnt.
Zuletzt gehörte die Burg übrigens der Familie Sina. Georg Simon von Sina, im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten Bankiers Österreichs, erwarb die Anlage im Jahr 1835 von der Familie Illésházy. Seine Tochter schenkte dann 1905 die Burgruine der Stadt Trenčín.
Unterhalb der Burg entwickelte sich die Stadt, die es im Rahmen einer Stadtführung zu erkunden gab. Diese startete beim spätbarocken Gauhaus, das heute das Museum der Stadt birgt. Es war ursprünglich der Stadtpalast der Illésházy, einer einflussreichen und wohlhabenden ungarischen Adelsfamilie, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert auch Eigentümer der Burg war. Vorbei an bunten Bürgerhäusern ging es zur frühbarocken Piaristenkirche aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit den illusionistischen Deckenmalereien und der markanten Doppelturmfassade. Ein weiteres Highlight war die erhaltene imposante Synagoge, die man im Jahr 1912 anstelle eines Vorgängerbaus im Stil des byzantinischen Art déco errichtet hatte und die während des Zweiten Weltkrieges verwüstet und als Pferdestall genutzt wurde. Die jüdische Bevölkerung wurde im Holocaust nahezu vollständig ausgelöscht.
Fremdnutzungen, unsachgemäße Renovierungen der Innenräume in den 1970er-Jahren sowie eine weitere Restaurierung vor wenigen Jahren prägen das heutige Erscheinungsbild. In ihrer unmittelbaren Nähe ist der Stadtturm erhalten, der Teil der mittelalterlichen Befestigungsanlagen war. Errichtet im frühen 15. Jahrhundert, war er zunächst ein zweistöckiger gotischer Turm, der im frühen 17. Jahrhundert im Renaissancestil umgebaut und erhöht wurde. Neben diesen Bauten aus der Monarchie prägen auch ein paar brutalistische Bauten aus kommunistischer Zeit das Stadtbild.
Auf der Rückreise führte der Weg nach Holíč. Das dortige Schloss eröffnet wiederum ein völlig anderes Kapitel der Geschichte. Man befindet sich nun nicht mehr in der Welt mittelalterlicher Burgherren oder ungarischer Magnaten, sondern unmittelbar im Umfeld des Hauses Habsburg. Im 18. Jahrhundert gelangte die Herrschaft Holíč in den Besitz von Kaiser Franz Stephan von Lothringen, dem Ehemann Maria Theresias. Die ältere Anlage, die bis in das 11. Jahrhundert zurückreicht und im Laufe der Jahrhunderte mehrmals um- und ausgebaut wurde, wurde zu einer repräsentativen dreiflügeligen barock-klassizistischen Sommerresidenz umgestaltet, wobei die bereits vorhandene Renaissance-Befestigung größtenteils wiederverwendet wurde. Am Umbau war auch der österreichische Architekt Franz Anton Hillebrandt (1719–1797) beteiligt. Heute befindet sich die Anlage in einem schlechten Zustand; ihre Dimensionen lassen jedoch noch erahnen, welche Bedeutung sie im 18. Jahrhundert hatte.
Franz Stephan nimmt in der Geschichte der Habsburgermonarchie eine besondere Stellung ein. Während Maria Theresia die habsburgischen Erblande regierte, war er nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sondern auch ein wirtschaftlich außerordentlich interessierter und erfolgreicher Unternehmer. Auf seinen Besitzungen wurden landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe gefördert. Holíč wurde unter anderem durch seine Keramik- beziehungsweise Fayenceproduktion bekannt.
Den letzten historischen Höhepunkt der Reise bildete Šaštín-Stráže mit der monumentalen Basilika der Sieben Schmerzen Mariens. Sie gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten des Landes. Die Vorgeschichte der Basilika reicht in das 16. Jahrhundert zurück, als eine Statue der Schmerzhaften Muttergottes in einer Kapelle aufgestellt wurde. Nach ausführlichen Untersuchungen von zahlreichen angeblichen Wunderheilungen wurde sie schließlich 1732 als wunderwirkend anerkannt; daraufhin erwarb der Pauliner-Orden diese Statue und begann anstelle der Kapelle den Kirchenbau mitsamt Kloster. 1764 wurde der vollständig fertig gestellte Bau in Anwesenheit des Kaiserpaares Franz von Lothringen und Maria Theresia feierlich geweiht und die Statue in den spätbarocken Hauptaltar eingefügt. Nach Auflösung des Pauliner Ordens gegen Ende des 18. Jahrhunderts ging die Kirche in Staatsbesitz über. In weiterer Folge ließen sich die Salesianer hier nieder; sie wurden im Kommunismus vertrieben, kehrten aber nach 1990 wieder zurück, genau wie später auch die Pauliner. 1964 wurde die Basilika von Papst Paul VI. zur ersten slowakischen Basilica minor erklärt. Nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1995 betete hier Papst Franziskus im Jahr 2021.
Gerade in der Verbindung der einzelnen Stationen lag der besondere Reiz unserer Reise. Unsere Busreise führte uns durch beinahe zwei Jahrtausende europäischer Geschichte. Hinter den Grenzen wird eine gemeinsame Historie sichtbar, deren Spuren in Schlössern, Burgen, Kirchen und Städten bis heute erhalten geblieben sind.
Ehrenmitgliedschaft an Dr. Bernhard von Liphart

Für seine langjährigen Verdienste gratulieren wir Dr. Bernhard von Liphart zur Ehrenmitgliedschaft des Verein Historische Gebäude Österreich und danken ihm für seinen unermüdlichen Einsatz für das österreichische Kulturgut. Er hat unseren Verein – damals noch Österreichischer Burgenverein – als sein Präsident zwischen 1985 und 2012 mit großer Leidenschaft geprägt und gezeigt, dass der Erhalt unseres historischen Erbes eine gemeinsame Aufgabe ist.

TAG DES DENKMALS 2026
Das Palmenhaus in Gmünd – historisches Erbe im Schlosspark

Text und Fotos: Therese Backhausen
Unter dem diesjährigen Motto „Denkmale: Wert für alle.“ waren am Tag des Denkmals am 27. September 2026 österreichweit rund 300 historische Objekte zu besichtigen. Es wurden Werte wie Alltag und Begegnung, Verantwortung und Identität sowie der Aspekt „Denkmalschutz = Klimaschutz“ durch die Weiternutzung bestehender Bausubstanz beleuchtet. Auch das ehemals zum Schloss gehörende Palmenhaus in Gmünd, das für die Niederösterreichische Landesausstellung 2028 rund um die Wasserwelt des Waldviertels vor einer Veränderung steht, öffnete seine Türen.
Zahlreiche Besucherinnen und Besucher kamen in das Palmenhaus, um die Gelegenheit zu nutzen, das historische Gebäude vor dem Beginn der Bauarbeiten noch einmal zu sehen. Die markante, rund 260 m² große, denkmalgeschützte Anlage befindet sich im Südosten des Schlossparks und steht seit 2009 im Eigentum der Stadt. Errichtet im Jahr 1868 unter Erzherzog Sigismund von Habsburg-Lothringen, dokumentiert das frühhistoristische Gewächshaus, dem in Niederösterreich kein vergleichbarer Bau gegenübersteht, die Vorliebe der damaligen Zeit für die Aufzucht seltener, exotischer Pflanzen, insbesondere der Palmen. Nachdem es bereits nach schweren Beschädigungen in beiden Weltkriegen Anfang der 1980er-Jahre saniert worden war und punktuell als Eventlocation diente, bildet es nun das Fundament für ein wegweisendes Kulturprojekt im Waldviertel. Das renommierte Büro BWM Designers & Architects zeichnet für die sensible Sanierung und die architektonische Erweiterung verantwortlich. Das Palmenhaus wird originalgetreu restauriert werden, sodass die gleichmäßig in neun rundbogige Fenster aufgelöste Südseite mit ihrem schwach vortretenden Mittelrisalit in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt ihr historisches Erscheinungsbild erhalten wird. Die im Laufe der Zeit verloren gegangenen seitlichen Anbauten werden dem Vorgängerbau gemäß wiederhergestellt werden. An der Nordseite wird das bestehende Ensemble um einen rund 820 m² großen, gläsernen Erweiterungsbau ergänzt. Geschwungene Holztragwerke sowie eine wellenartig rhythmische Architektur sollen eine skulpturale Verbindung zwischen Tradition und Moderne schaffen.
Das runderneuerte Gebäudeensemble wird im Jahr 2028 zum zentralen Austragungsort der Niederösterreichischen Landesausstellung und im Anschluss daran nachhaltig als multifunktionales Veranstaltungszentrum der Stadt Gmünd genutzt werden.
Vom Erbe, das lebendig bleiben muss
Erzherzog Andreas Salvator von Habsburg-Lothringen und Schloss Gmünd zwischen Bewahrung und Erneuerung

Text und Fotos: Therese Backhausen
Eine Spanne voller erlebter Geschichte, eine tiefe Verwurzelung in der Tradition sowie ein ungewöhnlicher, dynamischer Lebensweg prägen das Leben des Urenkels von Kaiser Franz Josef I. und Kaiserin Elisabeth. Andreas Salvator, der aus der Toskana-Linie der Familie stammt und in dessen Adern ein Stück europäischer Geschichte fließt, lebt nach prägenden Jahrzehnten im Ausland schon seit vielen Jahren in seinem historischen Anwesen in Gmünd. Dort bewirtschaftet er als privater Waldbesitzer und Teichwirt eine große Fläche an Wäldern und Teichen. Seinen kürzlich gefeierten 90. Geburtstag nahmen wir zum Anlass, um mit ihm über naturverbundenes Unternehmertum, nachhaltige Teichwirtschaft sowie Bewahrung und Erneuerung zu sprechen.
Wer Schloss Gmünd heute betrachtet, sieht nicht nur ein historisches Bauwerk, sondern blickt auf das Ergebnis von jahrzehntelangen Entscheidungen, Kompromissen, Verlusten und Rettungsversuchen. Vor allem aber sieht man ein Haus, das bewohnt und genutzt wird – und genau darin liegt für Erzherzog Andreas Salvator Habsburg-Lothringen der entscheidende Unterschied zwischen einem Denkmal und einem lebendigen historischen Ort. „Ein unbewohntes Bauwerk ist ein totes Bauwerk“, erklärt er, und dieser Satz beschreibt seine Haltung zu Schloss Gmünd vielleicht besser als jede denkmalpflegerische Theorie.
Schloss Gmünd ist eine dreigeschossige, vierflügelige historische Stadtburg um einen trapezförmigen Hof in der südwestlichen Ecke der Altstadt von Gmünd im Waldviertel. Es liegt in der Nähe des Zusammenflusses von Lainsitz und Braunaubach, unmittelbar an der tschechischen Grenze. Der Bau war ursprünglich kein repräsentatives Schloss im klassischen Sinn, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene, anfänglich wehrhafte Kuenringer Anlage, die ihren Ursprung im ausgehenden 12. Jahrhundert hat. Ihre Lage an der Stadtbefestigung, umgeben von umlaufenden Gräben, Wasserläufen und Sümpfen, verweist bis heute auf ihre einstige strategische Bedeutung. Von der ursprünglichen Substanz von vermutlich vier Ecktürmen sind noch zwei sichtbar erhalten: der Torturm mit der Toranlage sowie der ehemals als Bergfried fungierende und als Eckturm der Stadtbefestigung dienende Südwestturm. Daneben existiert auch noch der hofseitige runde Treppenturm.
Über lange Zeit war das Schloss nicht nur Wohnsitz, sondern auch Verwaltungszentrum, Gerichtsort und Mittelpunkt eines umfangreichen Gutsbetriebes. Die Herren von Liechtenstein und Puchheim waren Eigentümer zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert. Nach einem verheerenden Stadtbrand im Jahre 1473 wurde die Anlage im gotischen Stil erneuert. Zehn Jahre später gelang es den Truppen des ungarischen Königs Matthias Corvinus, sich in den Besitz des Schlosses zu bringen, und nach deren Abzug war es ein Söldnerführer Kaiser Maximilians I., der als Verwalter eingesetzt wurde. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es wiederum zu größeren Umbauten unter den Herren von Greiß, bevor noch einmal die Puchheimer das Schloss ihr Eigen nannten. Häufiger Besitzerwechsel prägte die nächsten Jahrzehnte, und im 17. Jahrhundert kam es zu weiteren Um- sowie Ausbauten im Nordtrakt.
Zu den prägenden Besitzern der jüngeren Geschichte zählt Erzherzog Sigismund von Habsburg-Lothringen, der das Anwesen im Jahr 1859 erwarb; er entwickelte Schloss und Besitz weiter und gab dem Bau sein heutiges Aussehen. Als geübter Botaniker und Dendrologe ließ er den bedeutenden Schlosspark, der botanische Raritäten sowie ein prachtvolles Palmenhaus umfasste, im englischen Stil anlegen. Nach seinem Tod im Jahr 1891 erbte sein Bruder Erzherzog Rainer die Herrschaft und das Schloss. Auch er war wie schon Sigismund eng mit der Stadt Gmünd verbunden und verbrachte mit seiner Ehefrau viele Sommer im Schloss. Nach seinem Tod erbte Erzherzog Hubert Salvator Habsburg-Lothringen das Anwesen, der es an seinen zu dieser Zeit im Ausland lebenden 21-jährigen Sohn Andreas Salvator weitergab. Mit diesem verbindet sich vor allem eine umfassende Phase der Rettung und Neuordnung des Schlosses. Als Andreas Salvator, in einer Ära des Umbruchs auf Schloss Persenbeug geboren, die Verantwortung für die Anlage übernahm, befand sich das Gebäude bereits in einem stark überalterten Zustand. Er erinnert sich, dass das Dach teilweise bereits durchgebogen war und moderne Sanitäranlagen ebenso wie zeitgemäße technische Infrastruktur fehlten. Selbst eine funktionierende Wasserversorgung über mehrere Stockwerke hinweg war keineswegs selbstverständlich. Wasserleitungen, Abflüsse, Badezimmer und Toiletten mussten erst geschaffen werden. Was heute selbstverständlich erscheint, bedeutet bei einem historischen Bauwerk einen enormen technischen wie auch finanziellen Aufwand.
Für Andreas Salvator war von Anfang an klar, dass sich ein historisches Haus nur erhalten lässt, wenn es genutzt wird. Statt Schloss Gmünd ausschließlich als Museum zu verstehen, wurde daher nach einer Form gesucht, die historisches Erbe und zeitgemäßes Wohnen miteinander verbindet. „Ein Teil des Schlosses wurde im Jahr 1985 in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Bauvereinigung Schönere Zukunft restauriert und in Eigentumswohnungen umgewandelt“, erzählt er. Gleichzeitig blieben wesentliche Bereiche des historischen Ensembles dem Gutsbetrieb und der Familie erhalten. Dazu zählen Wohnräume, die Ende des 14. Jahrhunderts im Bergfried eingebaute Kapelle sowie Wirtschaftsgebäude wie Remisen, Scheunen und Verwaltungsgebäude. Die Restaurierung war nicht nur eine bauliche, sondern auch eine konzeptionelle Herausforderung. Andreas Salvator hatte bereits früh einen mehrjährigen Plan zur Rettung des Schlosses entwickelt. Dachziegel wurden beschafft, Dächer neu eingedeckt und die Arbeiten schrittweise mit dem Bundesdenkmalamt abgestimmt. Dabei wurde bewusst auf Materialien und Lösungen geachtet, die dem historischen Charakter der Anlage entsprechen.
Zum Schloss gehörte einst ein ganzer Wirtschaftskosmos wie eine große Meierei mit Kuh-, Schweine- und Pferdeställen, Hühnerhaltung, Milchstube und Wohnhaus des Meiers. Diese Wirtschaftsgebäude spielten lange Zeit eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Stadt Gmünd. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft verloren jedoch viele dieser Gebäude ihre ursprüngliche Funktion. Ein Teil wurde abgetragen, anderes konnte erhalten werden.
Eng mit der Geschichte des Schlosses verbunden ist auch die Teichwirtschaft. Die Teiche der Region entstanden zum Teil bereits im späten Mittelalter, wahrscheinlich wurden erste Anlagen im 14. oder 15. Jahrhundert geschaffen. Was zunächst aus sumpfigem und wirtschaftlich kaum nutzbarem Land bestand, wurde durch gezielte Wasserführung in produktive Teichlandschaften verwandelt. Besonders charakteristisch für das Waldviertel ist die Teichkettenwirtschaft. „Ein Teich speist den nächsten. Durch ausgeklügelte Systeme aus Dämmen, Abläufen und sogenannten Zapfen konnte der Wasserstand reguliert und ein Teich zum Abfischen vollständig entleert werden“, weiß Andreas Salvator. Dieses Wissen war über Generationen hinweg Teil der landwirtschaftlichen Kultur der Region. Auch die Wasserversorgung des Schlosses selbst war eng mit dieser Teichlandschaft verbunden, denn Gmünd liegt an einer Wasserscheide und verfügte historisch nicht über ein einfach zu erschließendes Wassereinzugsgebiet. Umso bedeutender waren Teiche und künstlich geführte Wasserläufe. „Über Brunnenstuben und Leitungen wurde Wasser bis zum Schloss gebracht“, schildert Andreas Salvator. „Ein technisches System, das heute kaum mehr sichtbar ist, aber für die Funktionsfähigkeit der Anlage entscheidend war.“
Die Geschichte des Schlosses ist allerdings nicht nur von Aufbau und Kontinuität geprägt. Das 20. Jahrhundert hinterließ tiefe Spuren. Während der NS-Zeit wurde die Anlage fremdgenutzt und Teile der Ausstattung gingen verloren. Nach Kriegsende waren zeitweise sowjetische Soldaten im Schloss untergebracht. Alles, was einst zur historischen Einrichtung gehört hatte, verschwand in diesen Jahrzehnten. Andreas Salvator weiß, dass sich solche Verluste nicht rückgängig machen lassen und inzwischen selbst zur Geschichte des Hauses gehören.
Erzherzog Andreas Salvator von Habsburg-Lothringen selbst verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Spanien; bereits als Jugendlicher war er aus gesundheitlichen Gründen dorthin gekommen. Später studierte er unter anderem in Barcelona, Sabadell, Madrid und Cádiz und lebte insgesamt mehr als fünf Jahrzehnte in diesem Land. Die prägenden Erfahrungen eines internationalen Lebens und der Blick von außen beeinflussten in weiterer Folge auch seinen Umgang mit Schloss Gmünd. Für ihn war die Zukunft historischer Gebäude nie allein eine Frage des Denkmalschutzes. Entscheidend war vielmehr, ob es gelingt, ihnen eine sinnvolle Nutzung zu geben.
Er kam nicht mit der Vorstellung zurück, einfach einen historischen Zustand zu konservieren. Vielmehr interessierte ihn die Frage, wie ein altes Gebäude unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen weiterleben kann. „Dabei waren Konflikte unvermeidlich“, erinnert er sich. Immer wieder stießen Ideen für neue Nutzungen an behördliche oder wirtschaftliche Grenzen. Beim historischen Palmenhaus und bei einem ehemaligen, heute nicht mehr existierenden Pavillon im Schlosspark scheiterten geplante gastronomische beziehungsweise sanitäre Nutzungskonzepte unter anderem an fehlenden Genehmigungen. „Genau das, was ich seinerzeit wollte – nämlich beim Palmenhaus einen kleinen Zubau von vielleicht fünf Metern an der Rückseite zu machen –, wurde von der Behörde nicht genehmigt. Nun aber wird anlässlich der Niederösterreichischen Landesausstellung 2028 das denkmalgeschützte Gebäude nicht nur saniert, wie dies zum Beispiel bei der Nachbildung der dem ehemaligen Erscheinungsbild entsprechenden und heute verlorenen seitlichen Glashäuser der Fall ist“, wundert sich Andreas Salvator, „sondern es kommt vielmehr zu einer Erweiterung um einen rückwärtigen großen Zubau.“ Diese seinerzeitige behördliche Haltung prägte sodann auch seinen Umgang mit Schlosspark und Palmenhaus. Der Großteil des Parks wurde im Zuge einer Neuordnung gegen Waldflächen getauscht; er ist heute im Besitz der Stadtgemeinde Gmünd und dient als beliebter Erholungsort. „Immer wieder ging es also dabei um die Frage, welche Nutzung für historische Gebäude möglich ist und wo behördliche oder wirtschaftliche Grenzen liegen“, betont er.
„Gerade an Schloss Gmünd zeigt sich, dass der Erhalt eines historischen Hauses kein statischer Zustand ist. Ein solches Gebäude muss sich verändern dürfen, ohne seine Geschichte zu verlieren. Es braucht Eigentümer, Bewohner und Nutzer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen“, erläutert Andreas Salvator. „Und es braucht eine wirtschaftliche Grundlage, die den Fortbestand ermöglicht.“ Eben deshalb richtet sich sein Blick zwangsläufig auf die nächste Generation. Für ihn lässt sich Verantwortung nicht erzwingen. Seine Kinder sollen selbst entscheiden, welchen Weg sie wählen. Maßgeblich sei vielmehr, dass sie tüchtige Menschen werden und verstehen, dass Besitz stets mit Arbeit verbunden ist. „Denn historische Häuser lassen sich nicht allein durch Vorschriften bewahren. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, zu arbeiten und langfristig Verantwortung zu tragen.“
Und so ist Schloss Gmünd heute weit mehr als ein Zeugnis vergangener Jahrhunderte. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich historisches Erbe, privates Engagement, landwirtschaftliche Tradition und zeitgemäße Nutzung miteinander verbinden lassen. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Glanz früherer Zeiten, sondern vor allem von der täglichen Arbeit, die notwendig ist, damit ein historisches Haus lebendig bleibt.

Castle Road

